In Zeiten steigender Herausforderungen durch Klimawandel und schwindende Biodiversität rücken alte Getreidesorten wieder verstärkt in den Fokus von Landwirtschaft, Ernährung und Verbrauchern. Was einst Grundnahrungsmittel ganzer Kulturen war, geriet im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft weitgehend in Vergessenheit – doch genau diese Sorten könnten wichtige Lösungsansätze für eine nachhaltigere Zukunft bieten.

Aber was sind alte Sorten überhaupt?

Unter alten Getreidesorten versteht man historisch gewachsene, genetisch vielfältige Kornarten, die über Jahrtausende in unterschiedlichen Regionen kultiviert wurden. Dazu zählen traditionelle Formen von Weizen wie Einkorn, Zweikorn (=Emmer), Dinkel oder auch andere Getreide wie Gerste, Roggen, Hirse und Kamut®, die sich von modernem Brotweizen (Triticum aestivum) deutlich unterscheiden. Im Gegensatz zu den heute dominierenden, hochgezüchteten Sorten haben sie ihre genetische Vielfalt weitgehend bewahrt und sind nicht im industriellen Maßstab homogenisiert worden. Möchte man heute alte Getreidesorten anbauen, so sind das aus Gendatenbanken rückgezüchtete Sorten. ①

Im Laufe der Jahrhunderte verloren diese Sorten fast komplett an Bedeutung, vor allem durch die Mechanisierung und massive Intensivierung der Landwirtschaft. Gründe waren hierfür insbesondere die niedrigeren Erträge im Vergleich zum klassischen „Hochleistungsweizen“, der erhöhte Verarbeitungsaufwand – der harte Spelz muss für Auszugsmehl aufwändig entfernt werden – und die sich verändernden Konsumpräferenzen, da Weißmehl immer beliebter wurde.

Aber – und das ist die eigentlich unverständliche Kehrseite – alte Getreidesorten anzubauen und zu verarbeiten, hat einige nicht zu unterschätzende Vorteile: Zum einen bieten sie oft reichere und auch komplexere Nährstoffprofile als moderne Hybridgetreidesorten. Untersuchungen zeigen, dass bestimmte alte Weizensorten höhere Anteile an Proteinen, Mineralstoffen, Carotinoiden, Ballaststoffen und antioxidativen Verbindungen enthalten. ②

Das liegt auch daran, dass alte Sorten durch den harten Spelz meist als Vollkorn verarbeitet werden, da der Aufwand für die Mühlen, den Spelz zu entfernen, sehr hoch ist, und somit alle Schichten des Korns erhalten bleiben. Ein weiterer, zentraler Vorteil alter Getreidesorten liegt in ihrer Robustheit gegenüber Umwelteinflüssen. Viele dieser Sorten sind von Natur aus besser an unterschiedliche, oft widrige Bedingungen angepasst, etwa Stress durch Trockenheit, nährstoffarme Böden, Kälte oder Krankheiten. Einkorn und Emmer zeigen eine vergleichsweise hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten und können selbst auf marginalen Flächen erfolgreich wachsen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Maßnahmen zur Klimaanpassung wichtiger werden denn je, machen sie diese Eigenschaften besonders wertvoll für den ökologischen Landbau, wo niedrige externe Inputs und hohe ökologische Stabilität gefragt sind. Im Kontext des Klimawandels, mit immer häufiger auftretenden Extremwetterlagen, könnten resilienten Sorten dabei helfen, Ertragsrisiken zu reduzieren und die Ernährungssicherheit zu stärken.

Alte Sorten haben ein Comeback somit definitiv verdient – im Hinblick auf all ihre ernährungsphysiologischen Vorteile und ihre Klimaresilienz. Wenn wir unseren Blickwinkel ändern, weg von Hochleistungslandwirtschaft hin zu einer extensiven, deutlich schonenderen Landwirtschaft, können wir diese robust und nachhaltig gestalten, für uns und zukünftige Generationen. Darum setzen wir von Köhlers Vollkornbäckerei auch auf alte Getreidesorten – als Grundlage für ehrliche Produkte und enkeltaugliche Landwirtschaft.

Autor / Autorin: Laura Schendzielorz · Fotos: Heinz Rapp, Sandra Beckstein/Shuttle Design

① https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/GrossesEinkornProjekt_de.pdf

② https://www.oekolandbau.de/bio-in-der-praxis/bio-verarbeitung/lebensmittelhandwerk/bio-baeckerhandwerk/backen-mit-urgetreide/

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