Thomas Gröhlings zeitlich offenes Projekt „Die Arche“ geht inhaltlich weit über eine reine Ansammlung von Tieren hinaus, wie wir sie üblicherweise aus Bilderbüchern zur biblischen Arche Noah kennen. Denn der in Bamberg geborene diplomierte Bildhauer verbindet zeitgenössische Holzbildhauerei mit einer eindringlichen Mahnung zum Schutz der Biodiversität. Seine Tierstelen machen unmittelbar sichtbar, was abstrakte Begriffe wie Artensterben, Lebensraumverlust und Verantwortung für die Schöpfung bedeuten. Und wo genau diese Tiere, die teilweise am Aussterben sind, ihren Lebensraum haben, beziehungsweise hatten.

Die Arche als Work in Progress

Bereits seit über drei Jahren schnitzt Gröhling an seiner Arche. Das bewusst auf mehrere Jahre angelegte Projekt soll noch zwei bis drei Jahre weitergeführt und in einem Kunstkatalog veröffentlicht werden. Die aktuelle Ausstellung in Kulmbach mit 15 Archestelen und 8 Wolfsfiguren zeigt einen Zwischenstand dieses fortlaufenden künstlerischen Forschungs- und Kunstprozesses zum Thema Artenvielfalt.

Die Stelen zeigen exotische und heimische Arten: Tierpaare wie Seehunde, Eisbären, Elefanten, Pferde, Schweine, Hasen, Vögel und Schmetterlinge. Wie eine Art Ausschnitt der natürlichen Umgebung sitzen die Tiere dreidimensional gearbeitet auf den jeweils hoch aufragenden Baumstämmen. Ergänzt ist die Szenerie durch in der Fläche herausgearbeiteten Reliefs derselben Spezies. Geografische Koordinaten verraten deren Lebensräume, beziehungsweise ihre ehemaligen Verbreitungsgebiete. „Denn genau darum geht es in dieser Serie: Um das Überleben bedrohter wie vermeintlich nicht-bedrohter Tierarten, um deren Rettung vor dem sicheren Tod und vor dem Aussterben einer ganzen Spezies. Die Arche Noah gerät hier zur Metapher für unsere Verpflichtung, die Schöpfung zu bewahren, zu respektieren und zu schützen – gerade so, wie Noah dies vor dem Einsetzen der Sintflut einst tat“, beschrieb Prof. Dr. Matthias Liebel in seiner Rede in Burgkunstadt die erste, weitaus kleinere Ausstellung, der nun die Kulmbacher in der Sparkasse folgt.

Nachhaltige Materialien

Die meisten Stelen bestehen aus Eichenstämmen, zwei aus Ahorn, also aus langlebigen, regional verfügbaren Hölzern. Gröhling bemalt die Figuren mit Acrylfarben selbst, spielt aber bewusst mit Teilbemalung und Naturform, indem er Flächen im Relief unbemalt lässt und so das Ausgangsmaterial sichtbar und erfahrbar macht.

Parallel zu den Archestelen zeigt Gröhling große Wölfe. Sie sind in der europäischen Kultur oft negativ besetzt. Daher verweist deren Vorhandensein in der Ausstellung auf ihre ökologische Rolle und auf die ambivalente Beziehung des Menschen zum „wilden“ Tier.

Fragile Balance

Faszinierend: Die Tierpaare wirken mal ängstlich, mal gelassen und spiegeln so die fragile Balance zwischen Bedrohung und Hoffnung im Anthropozän. Gröhlings Arche wird so zur Metapher für die Verantwortung, bedrohte und vermeintlich sichere Arten gleichermaßen zu bewahren. Die Archestelen und Wölfe sind nach der Ausstellung des Kunstvereins käuflich zu erwerben.

Die Ausstellung, veranstaltet vom Kunstverein Kulmbach, ist bis 12. Juni in der Sparkasse Kulmbach-Kronach, Hauptstelle, Fritz-Hornschuch-Str. 10 in Kulmbach, zu den normalen Öffnungszeiten zu sehen.
Der Bildhauer hinter der Arche

Thomas Grohling, 1970 in Bamberg geboren, ist Bildhauer mit Schwerpunkt Holz, Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau. Nach Schreiner- und Holzbildhauerlehre studierte er Bildhauerei sowie „Kunst und öffentlicher Raum“ an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Seit 1999 arbeitet er freischaffend, gibt Workshops und hatte Lehraufträge, unter anderem an der Universität Bamberg. Er lebt und arbeitet in Bamberg und ist Mitglied im Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken e.V., BBK.

https://www.kunstverein-kulmbach.de/home.html

Autor / Autorin: Ilona Munique  · Fotos: Gerhard Schlötzer

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