Das Summen von Bienen ist ein vertrautes Geräusch für jene, die sich in der Nähe von Blumenwiesen, Blühbäumen oder Bienenstöcken aufhalten. Doch es gibt einen Moment, in dem das friedliche Summen zu einem regelrechten Brausen wird – und plötzlich erscheint am Himmel eine große Wolke von Bienen! Keine Panik, bitte! Einfach aus sicherer Entfernung gespannt zusehen. Sofern man sich ihnen nicht direkt in den Weg stellt, sind diese Bienen friedlich wie sonst nie. Denn ungeschützt und bar jeder Nahrung haben sie nur zwei Dinge im Sinn: Rasch ein neues, geeignetes Zuhause finden und dabei auf keinen Fall ihre Königin verlieren!

Der Schwarmprozess von Honigbienen ist ein faszinierendes Phänomen, welches alle Menschen gleichermaßen in seinen Bann zieht. Noch längst ist dabei nicht jedes Detail enthüllt. Einer der bekanntesten Bienenforscher, der Zoologe, Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Karl Ritter von Frisch (†1982), jagte einstmals einem Schwarm von seiner Wohnung aus nach und verfolgte dessen Verhalten ganz genau. Noch konnte er nicht wissen, was Jahrzehnte später der Bienenforscher Tomas D. Seeley schlussfolgerte: Bienenvölker leben eine Art Konsensdemokratie. In seinem Buch „Bienendemokratie“ hat er dies eingängig beschrieben mit dem Untertitel „Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können“.

Werfen auch wir einen genaueren Blick darauf, was es bedeutet, wenn Bienen schwärmen und welche Rolle dies in ihrer Welt und der des urbanen Menschen spielt. Und dies im Kontext einer gemeinsamen Natur, die jedoch einseitig angepasst wurde.

Wozu ist das Schwärmen gut?

Ein Bienenschwarm besteht aus einer Königin, einigen Drohnen und etwa der Hälfte aller Arbeiterinnen eines Stocks. Das Schwärmen ist Teil des natürlichen Fortpflanzungszyklus, der Bienen und tritt in etwa ab Mitte April bis zur Sommersonnwende im Juni auf, seltener noch ein paar Wochen danach. Einem starken Hauptschwarm folgen ein paar kleinere Nachschwärme, die jedoch nicht ausreichend massestark über den Winter kommen.

Das Schwärmen ist ein instinkthaftes Verhalten von Honigbienen. Es wird ausgelöst durch einen zu eng gewordenen Bienenstock oder das Alter und den Gesundheitszustand der Königin, also meist, wenn ihre Legeleistung nachlässt. Das Volk bereitet sich aufs Schwärmen vor, indem es neue Königinnen heranzieht. Selten verlässt es sich dabei auf nur eine einzige, was das Phänomen der Nachschwärme erklärt. Denn nur eine Hoheit darf am Ende im Volk verbleiben. Der Rest schwärmt aus oder tötet sich gegenseitig ab.

Was passiert beim Schwärmen?

Der Schwarmprozess beginnt damit, dass die Arbeiterinnen spezielle Zellen für die Aufzucht neuer Königinnen (alter Ausdruck: Weisel) vorbereiten. Die alte Königin legt sodann Eier in diese Weiselzellen. Sobald die neuen Königinnen herangewachsen sind, wird die bisherige auf Diät gesetzt und zudem regelrecht durch den Stock gejagt, damit sie wieder leichter und damit flugtauglich wird.

Die Phase des Abflugs wird von einigen erfahrenen Bienen durch ein Signal angekündigt. Dazu reiben sie mit ihrer Brust an den Wabenzellen und geben so ein schabendes Geräusch ab. Außerdem scheuchen sie schubsend ihre Kolleginnen auf. Aufmerksame Imker erkennen an der Geräuschkulisse, wie weit der Schwarmprozess gediehen ist. Kurz vor dem Start des Schwarms zieht dann so etwas wie „die Ruhe vor dem Sturm“ ein. Nichts rührt sich mehr. Und mit einem Mal ergießt sich ein scheinbar nicht endend wollender Bienenwasserfall aus dem Stock und bricht ins Himmelsblau auf – meist gegen die Mittagszeit an einem heiteren Tag. Wir fanden jedoch auch schon einen Schwarm, der im Nieselregen startete.

Der Schwarm sammelt sich in Form einer Traube an einem Ast in der Nähe des Stocks. Währenddessen erkunden Späherbienen die Umgebung nach geeigneten Nistplätzen. Der Prozess der Entscheidung durch das Volk dauert ein bis drei Tage an. Erst, wenn alle Späherbienen ihre richtungsweisenden Tänze vorgeführt haben, und dies mehrfach, unterstützen weitere Bienen die am euphorischsten vorgestellte Darbietung. So lange, bis die nicht so überzeugenden Tänze nach und nach beendet werden. Der Konsens ist gefunden. Der Schwarm braust wie auf ein Kommando zur neuen Heimat, geleitet von hin- und herfliegenden Verkehrslotsen, den Spurbienen. Außerdem folgen die Bienen den Duftspuren derjenigen, die den Ort bereits gefunden haben.

Herausforderungen der Neuzeit

Einerseits kann die Bildung von Bienenschwärmen als Zeichen für ein vitales Volk betrachtet werden. Andererseits ist es für die Schwärme häufig ein Todesurteil, wenn sie ohne imkerliche Fürsorge an Bienenschädlingen wie der Varroamilbe und einiger weiterer Krankheiten eingehen. Bis resistente Völker entstehen, müssen noch viele Jahre ins Land gehen, wobei neue Bedrohungen durch die asiatische Hornisse Vespa velutina und die in Bälde zu erwartende asiatischen Tropilaelaps-Milbe, bei fortschreitendem Klimawandel auch der Kleine Beutenkäfer, den Völkern zu schaffen machen.

Heutzutage werden die meisten Völker in urbanen Räumen umhegt und gepflegt. Denn Bienen finden in der Stadtnatur (Park- und Friedhofsanlagen, Gärten, Alleebäume, …) 
über das ganze Jahr hinweg viel mehr (pestizidarmen) Nektar und Pollen als auf den ausgeräumten ländlichen Fluren. Die Krux: Stadtmenschen haben meist wenig Berührungspunkte mit der „wilden“ Natur, sprich: den frei herumfliegenden Bienen, die in ihrer beeindruckenden Schwarmformation nicht selten als Bedrohung wahrgenommen werden.

Das Schwärmen der Bienen ist aber auch eine Herausforderung für Imker. Das liegt nicht nur daran, dass sich beim Ursprungsvolk nach dem Schwärmen der Honigertrag massiv verringert oder gar gänzlich ausfällt. Sondern ein Schwarm stellt sie auch vor logistische Probleme. Für das Einfangen braucht es Zeit, einen Schwarmfangkasten, eventuell eine Leiter sowie eine neue Bienenwohnung. Nicht immer steht dann alles sofort und in der Nähe zur Verfügung. Manchmal sitzen Schwärme auch in Baumwipfeln und die Bergungsversuche enden oft genug mit schlimmen Folgen.

Bild oben: Um einen entdeckten Schwarm umzusiedeln, bedarf es eines Schwarmfangkastens. Bei diesem Anblick erfasst die meisten Betrachter die blanke Panik. Bild rechts: Doch schwärmende Bienen sind friedlich, wenn man sie in Ruhe lässt. Ein Bienenschwarm besteht aus einer Königin, einigen Drohnen und etwa der Hälfte aller Arbeiterinnen eines Stocks.

Schwarmverhinderung

Beinahe zwei Monate lang werden Imker mit Anrufen besorgter Bürger beschäftigt, die einen Schwarm gesichtet und ihn eingefangen haben wollen. Die städtischen Feuerwehren dürfen dies theoretisch aus Kostengründen nämlich nicht, da keine lebensbedrohende Gefahr besteht. Warum sie sich hin und wieder doch darauf einlassen, vor allem im Mai, also wenn die Schwärme größer und daher überlebensfähiger sind, liegt meist daran, dass es auch innerhalb der Feuerwehren einige Imker gibt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

So entwickelten Imker verschiedene Methoden der Völkerführung, damit das Schwärmen nicht unkontrolliert stattfindet. Gänzlich verhindern lässt sich das Schwärmen jedoch nie, und das ist vielleicht auch gut so. Sollten ein paar der Schwärme passende Baumhöhlen gefunden haben, die inmitten in einer kilometerweit ganzjährig blühenden und pestizidfreien Landschaft stehen, und sollten sie zufällig alle Krankheiten bewältigt haben, dann wäre es schön, sie für Züchtungen um ihre Königin und ihre Drohnen bitten zu dürfen. Nun, man wird ja wohl noch tagträumen dürfen.

Wie auch immer – das Schwärmen von Bienen ist ein faszinierendes Naturschauspiel, vor dem niemand Angst zu haben braucht. Ein Schwarm ist immer friedlich, sofern er in Ruhe gelassen wird. Imker zu bitten, ihn einzufangen, ist sinnvoll. Doch falls dieser Bitte nicht entsprochen werden kann, hat er oder sie ihre Gründe, siehe oben.

Gerne würde ich versöhnlicher enden, doch es ist, wie es ist. Honigbienen und Menschen sind jedoch bereits seit Jahrtausenden eng miteinander verbunden, und das wird ganz gewiss noch eine Weile so bleiben. Wenn Bienen schwärmen könnten, also im übertragenen Sinne, dann sicherlich auch von ihren Imkerinnen und Imkern. Ein gemütliches Zuhause und Gesundheitspflege gegen süßen Honig und Wachs – ein Arrangement, das seit Urzeiten prima funktioniert.

Autor/Autorin: Ilona Munique · Fotos: Ilona Munique

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